Unterschätzte Gefahr: Lichtverschmutzung

Unter der steigenden Lichtverschmutzung leiden immer mehr Insekten – auch Bestäuber, die durch das künstliche Licht entweder ihre Orientierung verlieren oder qualvoll sterben müssen. Obwohl Bienen nicht nachtaktiv sind, bewirkt die Lichtverschmutzung  eine Abnahme von 62% der Bestäubungsleistung. Dabei kann jeder von uns Zuhause mit kleinen Veränderungen Großes bewirken.

Insektensterben Lichtverschmutzung Bienenretter Stadt erleuchtet
Lichtverschmutzung: Nicht nur Großstädte sind nachts taghell erleuchtet.

Wenn die Dämmerung anbricht und die ersten Straßenlaternen angehen, beginnt die Arbeitsschicht der nachtaktiven Bestäuber. Schmetterlinge und Nachtfalter machen sich dann auf den Weg zu den Pflanzen, die entweder ausschließlich oder überwiegend von nachtaktiven Insekten bestäubt werden. Doch vor allem in großen Städten kommen die Bestäuber oft nicht weit, da sie an den Laternen oder anderem Kunstlicht hängen bleiben. „Bienen und Schmetterlinge orientieren sich am Licht der Himmelskörper“, erklärt Christian Bourgeois, Initiator des Bienenretter-Projekts. „Lichtquellen wie Garten- und Straßenbeleuchtung mit UV-Lichtanteil blenden daher die nachtaktiven Insekten und stören ihr Navigationssystem“, betont Bourgeois.


Die Insekten werden also entweder durch das Licht abgestoßen und wissen nicht mehr wohin es geht, oder sie werden davon angelockt und so zu einer leichten Beute für ihre Gegner - wenn sie vorher nicht schon verbrannt oder vor Erschöpfung gestorben sind. „Fehlende Orientierung bedeutet also oft den Tod für Insekten“, ergänzt Bourgeois. Seit Jahrhunderten bietet Licht dem Menschen vor allem Sicherheit, mittlerweile wird es eher für Werbezwecke oder als Dekoration verwendet. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) liegt der jährliche Zuwachs an Lichtverschmutzung in Deutschland daher bei etwa sechs Prozent. Das bedeutet, dass das natürliche Licht des Mondes durch Straßenlaternen und andere künstliche Lichtquellen überlagert wird.

Straßenbeleuchtung
Viele klassische Außenleuchten werden zur Falle für Insekten.

Insektensterben Lichtverschmutzung Bienenretter
Insekten werden von Licht angezogen, verwirrt und sterben dann vor Erschöpfung.

Um ein Zeichen für den Klimaschutz setzen, schalten am 24. März Menschen auf der ganzen Welt im Namen der „Earth Hour“ für eine Stunde lang ihre Lichter aus. Weniger Licht ist aber nicht nur die Umwelt gut, sondern eben auch für ihre nachtaktiven Bewohner. Zusätzlich zu der tödlichen Anziehungskraft des künstlichen Lichtes erschwert es auch noch die Vermehrung der Insekten, da die Tiere an den Laternen hängen bleiben und so gar nicht erst auf Partnersuche gehen können. Zu ihrer Arbeit als Bestäuber kommen die Insekten schon gar nicht mehr. „Einige Blütenpflanzen wie seltene Orchideen, Lilien und Hyazinthen werden vor allem durch Nachtfalter bestäubt. Folglich führt das Verschwinden der Insekten dann auch zum Aussterben dieser Nektarpflanzen“, betont Bourgeois.


Wissenschaftler der Universität Bern haben eine Studie durchgeführt, bei der sie vierzehn Landschaftsflächen nach ihrer Bestäubungsrate maßen. Während die eine Hälfte der Natur überlassen wurde, wurden die anderen Flächen von LED-Lampen beleuchtet. Das Fazit der Studie: Rund 300 Insektenarten bestäubten die Blüten auf den dunklen Flächen, während sich die Bestäubungsleistung auf den beleuchteten Flächen um 62 Prozent reduzierte. So gehen aber auch Pflanzen zurück, die sowohl von tagaktiven Bienen, als auch von nachtaktiven Insekten bestäubt werden, da die Bienen die fehlende Leistung ihrer nachtaktiven Kollegen nicht kompensieren können. „Gibt es bald auch keine Bienen mehr, würden auch diese Pflanzen völlig verschwinden“, warnt Bourgeois.

Lichterkette
Stimmungvolles Licht im Garten, aber müssen Lichterketten immer brennen?

Kugelleuchte am Weg 90% Streuverlust
Zweifelhafte Funktion: Nur 10% des Lichts fällt auf den Weg, wo es gebraucht wird.

Abgesehen von der fehlenden Bestäubungsleistung, schadet das Licht den Pflanzen auch so. „Versuche zeigen, dass das Fotosynthesevermögen mancher Arten im Dauerlicht erlahmt und in der Mitte der Dunkelphase sogar die Blütenbildung verhindern kann“, erklärt Bourgeois. Zusätzlich verändere sich die Zusammensetzung der Pflanzen um die Leuchtquellen, was Auswirkungen auf die Nektar- und Pollenversorgung von Wild- und Honigbienen haben kann. Doch nicht nur Insekten, auch Menschen spüren die negativen Folgen des Kunstlichts. Immerhin beeinflusst es das Hormon Melatonin, was zu Schlafproblemen oder sogar Depressionen führen kann. Noch gibt es keine gesetzlichen Bestimmungen für die Verwendung von Licht. „Und trotz energiesparender Leuchtmittel nimmt der Energieverbrauch im Haushalt kaum ab“, bedauert Bourgeois.


Dabei kann jeder einen Beitrag dazu leisten, um die Lichtverschmutzung zu verringern und sowohl der Umwelt, als auch den zu Tieren helfen – und schlussendlich auch sich selbst. Zuerst einmal sollte man sich fragen, wie viel Licht überhaupt notwendig ist. Braucht man die Weg- und Gartenbeleuchtung wirklich, oder reicht eine kurzzeitige Beleuchtung mittels Zeitschaltung aus? Muss der Balkon während der Weihnachtszeit mit Lichterketten geschmückt werden, die die ganze Nacht leuchten? „Für Wege und Eingangsbereiche eignen sich automatische Beleuchtungssysteme, die mit einem Bewegungsmelder ausgestattet sind“, empfiehlt Bourgeois. NoGo's sind Bodeneinbaustrahler oder Kugelleuchten, die viel Licht mit einem großen Radius verstreuen und somit eine hohe Blendwirkung für Insekten haben.

 

Mond und Künstliches Licht
Kugelleuchten: Künstliches Licht schaltet das Navi von Insekten aus.

Full-Cut-Off-Leuchte
Insektenschonend: Schmaler Leuchtkegel nach unten, warm white bis 3.000 K

Dagegen eignen sich Leuchtmittel mit einem geringen UV-Anteil für den Außenbereich. Versuchen Sie, die Lichtdauer und Intensität auf das Notwendigste zu reduzieren. Soweit es geht, sollte man auch auf die Beleuchtung von Wänden und Objekten sowie Bäumen und Hecken verzichten. Wenn Leuchtmittel verwendet werden müssen, sollte man sich für die warmweiße energiesparende LED Variante mit weniger als 3.000 Kelvin Farbtemperatur entscheiden. Dieses sogenannte „warm white“ Licht ist besonders tierfreundlich, da es kaum Insekten anlockt und zusätzlich noch Energie spart. Der Lichtkegel sollte dabei immer nach unten gerichtet sein. Um die Lichtpunkthöhe gering zu halten, sollte die Lampe möglichst niedrig angebracht werden. Somit wird eine unnötige Fernwirkung reduziert.


„LED-Gartenleuchten werden häufig in Kombination mit Solartechnik angeboten, daher sollte man drauf achten, dass diese mit einem Bewegungssensor ausgestattet sind und nicht die ganze Nacht hindurch strahlen“, empfiehlt Bourgeois. Damit die Insekten sich nicht an der Lampe verbrennen, sollte der Leuchtkörper abgeschirmt, kalt und geschlossen sein. Als Beispiel kann man Gehäuse mit Richtcharakteristik, sogenannte „Full-Cut-Off“-Lampen verwenden. Schlussendlich profitiert jeder von der Verringerung des Lichtes. Wenn wir es schaffen, die Lichtverschmutzung zu vermindern, macht schließlich auch das Sternegucken wieder Spaß, da die funkelnden Sterne dann nicht mehr von ihrer künstlichen Konkurrenz auf der Erde überdeckt werden.

Solarleuchte Garten
Solarlampen ohne Bewegungsmelder: Keine gute Idee für den Garten.

Artikel: Elisa Kautzky

Empfehlungen zur Außenbeleuchtung

Künstliches Licht nur

  • im Zeitraum, wenn es benötigt wird: Nachtabschaltung, Bewegungssensor,
  • wo es sichheitstechnisch notwendig ist: gefährliche Stellen wie Treppenstufen, aber nicht auf Hauswand oder Mauer,
  • in der erforderlichen Intensität: niedrige Lumenzahl und Streuverluste vermeiden,
  • keine Anstrahlung von Lebenräumen wie Bäumen und Sträuchern,
  • abgeschirmte Leuchten mit geschlossenem Gehäuse (unter 60°C) verwenden,
  • Lampen mit geringem UV-Anteil: LED warm white unter 3.000 K,
  • mit niedriger Lichtpunkthöhe zur Verminderung der Fernwirkung,
  • mit Richtcharakteristik, sogenannte „Full-Cut-Off“-Lampen verwenden.

nächste Seite: Pflanzaktion